Liebe, Sex und andere Sorgen

Schmerzlich willkommen!

Was können Sie mit Sadomasochismus, kurz SM, anfangen? Nicht so viel? Dann geht es Ihnen wie mir. Dabei bin ich schon als Studen damit in Berührung gekommen. 15 Jahre bevor der Roman "Shades of Grey" weltweit für Furore sorgte. Das Buch haben sie doch bestimmt gelesen – oder in seiner verwässerten Adaption im Kino gesehen. Vielleicht macht es bei Ihnen auch Klick, wenn Sie an David Lynchs Film "Blue Velvet", an Roman Polanskis "Venus im Pelz" oder an Pier Paolo Pasolinis Literaturverfilmung von Marquis de Sades "Die 120 Tage von Sodom" denken. Um die Lust am Leiden geht es da, um Befriedigung durch Haue, das Verlangen nach Unterwerfung. Bei der harten Gangart sind die Machtverhältnisse klar geregelt: Der eine übernimmt die Kontrolle und Verantwortung, während der andere sie abgibt. Ich jedenfalls hatte von alledem keinen Schimmer, als mir eine Kommilitonin zeigte, wo in unserer Siedlung der Schmerz wohnte. In ihrer Bude sah es aus wie in einer Folterkammer. Andreaskreuz, Käfig, dunkles Leder: Um sich das Studium zu finanzieren, arbeitete sie als Domina – einer Art moderner Kerkermeisterin. Kunden zahlten viel Geld, um von der jungen Frau beherrscht zu werden. Fesselspiele und Peitschenhiebe? Das fand ich ebenso absurd wie faszinierend, so dass ich sie für die Zeitung interviewte. Zwei Sätze sind mir dabei im Bewusstsein geblieben: Normal ist vom Blümchensex bis zur Perversion alles, was den Machern Lust bereitet – solange kein Dritter Schaden nimmt. Pervers ist allenfalls, was Unbeteiligte davon halten. Deshalb: Genießen Sie Ihre Vorlieben in vollen Zügen!

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Wer macht bei der EM den Hitzlsperger?

In jeder deutschen Kickerkabine hockt mindestens ein Schwuler. Und wenn man Pech hat, kommt dann auch noch Frau Merkel zu Besuch. Ein Kommentar aus den Katakomben von Hertha BSC, der ollen Berliner Fußball-Transe

Das Berliner Olympiastadion kann man besuchen, selbst wenn man kein Fan der alten Hertha ist und auch Null Bock auf Open-Air-Konzerte oder gar Papst-Messen hat. Wie ein großes Museum öffnet die hochmodernisierte Spiel-Stätte täglich ihre Tore für neugierige Gäste, so wie mich. Und flugs findet man sich wieder auf einer dieser über 70.000 arschkalten Plastik-Schalen, mit Blick auf eine Anzeigetafel, die mehr Fläche hat als eine Vierer-WG. Die Besichtigung führt durch den VIP-Bereich und mündet in den berüchtigten Spielerkabinen. Während die Umkleide mit ihren Hochregalen und Hockern nüchterner als gedacht ausfällt, beeindruckt der Nassbereich, natürlich aufgrund des Monster-Whirlpools neben den Duschen. In der Halbzeitpause hopst da die ganze Elf angeblich gemeinsam rein, um „warmzubleiben“. Inwiefern die Jungs anfangen, miteinander zu planschen, erfährt man nur, wenn man zufällig gerade Bundeskanzlerin ist und nach einem Länderspiel Zutritt bekommt.

 

Wer springt beherzt aus dem Spind?

Doch eines ist statistisch wahrscheinlich: in jeder deutschen Kicker-Kabine hockt mindestens ein schwuler Fußballer, der gemeinsam mit seinen Kameraden spielt, feiert und baden geht. Einer, dem dieser Tage die geballten Meldungen über das Coming-out jenes Weltklassespielers durch die Birne fegen und der vielleicht just mit sich ringt, selbst den Hitzlsperger zu machen und beherzt aus dem Spind zu springen.

 

Bio, Lindner, Kerkeling - als es im Volk Klick machte

Das Coming-out des ehemaligen Nationalspielers und war nicht nur wochenlang auf Platz-eins der „Mediencharts“, sondern ein in vieler Hinsicht mutiger wie beispielhafter Schritt; trotz der Tatsache, das die illustre Karriere des Thomas Hitzlspergers auf dem Rasen bereits beendet ist. Aber: Der Anfang ist gemacht; mit einem Mega-Tabu wurde gebrochen. Endlich hat der deutsche Fußball ein schwules Vorbild, einen Top-Promi, zu dem jung wie alt hochblicken können und dem niemand seine Fähigkeiten als Spieler und seine Courage als Mensch abstreiten wird. Die Signalwirkung vergleiche ich mit den Sympathie-Wellen, die einst auch einen Alfred Biolek, Hape Kerkeling oder Patrick Lindner nach deren Outings trugen. Keiner von denen ist in den Fluten des Startums abgesoffen. Bei vielen im Volk hat es damals überhaupt erst Klick gemacht.

 

Homophoben Acker endlich pflügen!

Auf einen ähnlichen positiven Effekt hoffe ich nun im Breitensport, im Amateur- wie im Profibereich gleichermaßen. In vielen Mann- und Frauschaften, vom Balljungen, über den Trainerstab bis zum Vereinsvorstand, wird Homosexualität noch immer nach dem Prinzip der Drei Affen behandelt: Nix sehen, nix hören, und allesamt Schnauze halten! Und draußen auf den Rängen ist der homophobe Acker erst recht nicht gepflügt, jetzt bestenfalls bestellt worden. Hardcore-Fans sind bekanntlich alles, nur nicht politisch korrekt. In diesem Sinne, eine schön-schwule Europameisterschaft!

DU&ICH 2013, Sirko Salka, gekürzt & überarbeitet

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Hau wech die S...

So kurzweilig, unterhaltsam und ad-hoc-informativ die digitale Welt auch sein mag: Wer sich erst einmal im Web 2.0 verfangen hat, kann komplett die Peilung verlieren. Oder, wenn er Pech hat, direkt an den Rändern des Wahnsinns surfen. Manchmal hilft dann nur noch radikale Zerstörungswut.

Gestern Morgen hätte ich meinen neuen Tablet-Computer am liebsten mit Wucht gegen die Wand gefeuert. Aus dem offenen Fenster geworfen. Mit den Fäusten so lange darauf eingedroschen, bis er k. o. geht. Seinen Quäl-Geist aufgibt. Bevor ich es noch tue. So sauer war ich auf das flache Teil. Aber der Reihe nach.

 

Wenn einem Cookies auf den Keks gehen

Diesmal hatte ich mir keinen groben Fehler vorzuwerfen, sondern beim Einrichten des Bretts den bestmöglichen Datenschutz bedacht: Hab keine Cookies zugelassen, diese schmarotzenden Minischnüffler im Auftrag der Konsumoptimierung, die einem gehörig auf den Keks gehen. Wenn man beim Online-Shopping mal spaßeshalber nach „Windeln für Erwachsene“ sucht, nach Haarteilen oder Anti-Pickel-Cremes, dann poppen an den Folgetagen rotzfrech und megalästig entsprechende Nerv-Anzeigen im heimischen Browser auf.  Untersagt man den Biestern aber den Zugriff, lassen sich so beliebte Seiten wie Facebook oder Planetromeo nicht nutzen. Saudumme Sache!

 

Kein Spiel mit Männern

Noch mehr Ärger bescherte mir die Ortungsfunktion, die ich vorsorglich deaktiviert hatte, da mein Tablet nun völlig am Rad drehte. Indem es z. B. zu blöde war, sich die lumpige Uhrzeit zu merken, so dass der integrierte Wecker am nächsten Morgen versagt und ich einen Termin verschlafen hatte. Dass auch andere Anwendungen ohne den räudigen Radar aus meinem tragbaren einen Chaos-Computer machten, merkte ich wiederum auf den schwulen Seiten. Denn als ich die kostenlose Planetromeo-App nutzen wollte, knallten mir haufenweise Warnungen auf den Touchscreen. Bitte Positionsdaten aktivieren, hieß es da oder: „Du musst die Push-Benachrichtigungen zulassen“ – was immer das nun wieder sein mag! Nicht mit sexy Männern, sondern ein Spiel mit meiner Geduld.

 

Boykott von Sotschi 2014

Dabei hatte ich die blaue App aus solidarischen Gründen installiert, weil mir wie rund 125.000 anderen Protest-Usern (!) die unerträgliche Zensur der kalifornischen Internetriesen Apple und Google gehörig stinkt, die Nacktes in den mobilen Profilen verbieten. Insgesamt hatten über 140.000 Schwule an einer Umfrage bei Planetromeo teilgenommen, die jetzt ausgewertet worden ist. Jeder Zweite hält die Prüderie der App-Store sogar für schwulenfeindlich. Was natürlich Quatsch ist, da sie Homos wie Heteros gleichermaßen einschränkt. Doch das soll die Sache nicht beschönigen! Planetromeo selbst kommentiert es so: „Als Schwule sind wir eine Art Frühwarnsystem der Freiheit.“ Den Satz unterstreiche ich gerne, auch mit Blick nach Russland und die dortige, unfassbare antihomosexuelle Gesetzgebung, gegen die in Berlin vor ein paar Wochen fast zehntausend Menschen demonstrierten. Mit großem Erfolg: inzwischen sorgt sich selbst das vollverstaubte Internationale Olympische Komitee, welches die Diskriminierung von homosexuellen Sportlerinnen und Sportlern dreist duldet, vor einem Wegbrechen der Sponsorengelder für Sotschi 2014. Gut so!

 

Mission Immpossible - Datenschutz scheitert

Meine private Mission in Sachen Datenschutz hingegen ist kläglich gescheitert. Was nützen alle Vorsichtsmaßnahmen, wenn aus meinem Superrechner ein Garnichtskönner wird? Wenn ich ohne krümelige Cookies, permanente Peilungen und sonstige Spionagepakete gar nicht mitfunken kann? Und seien wir mal ehrlich: So schlimm ist das offenbar nicht. An der Berliner Demo gegen den „Überwachungswahn“ nahmen im September läppische 10.000 Menschen teil. Das Wetter war zu schön! Auf schwul hieße das: für ein schnelles Sexdate pfeifen wir auf Vorkehrungen. Safer Surfen, so mein Fazit, ist genauso stressig wie Safer Sex. Das Gummi haben wir wenigstens in der Hand. Den Datenschutz schon lange nicht mehr.

 

Quelle: DU&ICH, Oktober 2013, "Leidartikel" von Sirko Salka

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Schön blöd, Mann

Sexy und männlich rüberkommen wie die Heteros, das ist eine unserer größten und gefährlichsten Sehnsüchte. Bislang scheiterten viele dieser "Copy & Paste"-Versuche. Statt zum Supermann machten Schwule sich zum Oberaffen. Das Ding mit der Männlichkeit hat einfach zu viele Tücken.

Klamotten im Heterolook, proletenhaftes Auftreten, ambitionierter Muskelaufbau - Schwule haben schon fast alles ausprobiert, um richtig schön männlich zu wirken. Bisher ohne den großen Wahnsinnserfolg: Wenn wir unsere Hetero-Kollegen nämlich nur nachaffen, kommt das meist wie eine mühsame Männertravestie rüber. Zwar inszenieren wir uns dabei inzwischen so perfekt und hypermännlich, dass wir unsere "Vorlagen" locker um Längen schlagen. Doch aus einer gutgemeinten Kopie wird schnell eine putzige Parodie, was dann wiederum auf Kosten der eigenen Sexiness geht. Insofern ist der alte Leithammel der Homokultur, jenes Monster mit Muskelbergen, Bart und Glatze, das in der Lederhose auf dem Bike durch die Gegend karrt, symbolisch einfach das Schwulste, was man sich vorstellen kann. Kaum ein Hetero würde doch derart übertrieben martialisch durch die Weltgeschichte fegen.

 

Einfach tun, nicht fackeln

Nehmen wir als Beispiel mal die Marke Holzhackermann, den energetischen Vollproll: Abends plumpst er kosmetisch genauso unbehandelt ins Bett wie er morgens aufgestanden ist. Ohne lästiges Peeling, leidiges Puder und lecker duftendes Parfum im Gesicht. Als gefühlter Alphamann braucht er sich aufwendig zu duschölen und einzucremen - eine Kanne kaltes Wasser übern Schädel reicht auch. Sich einmal von oben bis unten mit dem Gartenschlauch abspritzen, wenn man eh grad das Auto wäscht. Welchem er ohnehin mehr Aufmerksamkeit widmet - als sich selbst. Einfach tun, nicht fackeln.

 

Solch eine naturbelassene, robuste Männlichkeit kann man nicht abpausen. Die hat man oder eben nicht. Weshalb viele schwule Rolemodels wie die Clones, Muscle Marys, Lederbiker, Punks und Skins Gefahr laufen, sich komplett lächerlich zu machen, weil sie als Karrikaturen irgendwelcher Ur-Menschen enden.

 

Neue Helden gesucht

Brauchen wir also neue Helden, die noch nicht verschwult worden sind? Würde es die arg strapazierte Hete überhaupt noch einmal bringen, um als Vorbild fürs Mannthema zu dienen? Sollten wir in den eigenen Reihen mal rausfiltern, was und wen wir besonders männlich und damit womöglich auch an- und ausziehend finden? Oder wäre es nicht an der Zeit, mit dem leidigen Thema der Machomaskulinität im Sinne des Postpatriarchats mal gründlich aufzuräumen?

 

Auszug aus: Mein schwules Auge 5, Schön blöd, Mann, Sirko Salka

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Die Männlein stehn im Walde

In der Berliner Hasenheide ist die Jagdsaison längst eröffnet. Statt auf den saftig-grünen Liegewiesen rumzulümmeln, schlagen sich viele Kerle bei diesem Kaiserwetter durchs Dickicht. Dabei kann es zu ganz unerwarteten Begegnungen kommen.

Mein heißes Maiwochenende startet am Rande Neuköllns mit einem Brunch auf dem Tempelhofer Feld. Nirgends in der Stadt kann man Grenzenlosigkeit und Offenheit derzeit besser erspüren als auf dem vor sechs Jahren fürs Volk und dessen Vielfaltsgeist geöffneten alten Airport. Wer denn mag, kann sich in diesem „Park to be“ sportlich austoben oder lässig ins Gras schmeißen, den Wegwerfgrill mit Lammbuletten belegen oder beim urbanen Gärtnern wild ins Kraut schießen.

 

My Home is My Holzkiste

Letzteres, am östlichen Ende der Start- und Landebahnen, blüht nachhaltig auf, da jung und alt, homo, hetero oder sowieso auf Kleinstbeeten Gemüse anbauen. Was von Weiten wie eine Sperrmüllansammlung ausschaut, ist die moderne Antwort auf Schrebergärten und Laubenpieper. My home is my Holzkiste. Dazwischen haust und schmaust es sich an jenem Samstagnachmittag gemeinschaftlich gut.

 

Feuchtgebiete für allerlei Gelüste und Geschäfte

Und obgleich ich als gartenphober Mensch durchaus Gefallen daran entwickele, Kräutern und Knollen beim Keimen zuzugucken, mache ich mich bald vom Multi-Kulti-Acker. Nächster Halt, die Neuköllner Hasenheide. Noch so ein Massenbiotop, in dem alle einen Platz an der Sonne finden. Hier braucht es nur eines klaren Kompasses, will man gewissen Gelüsten oder Geschäften nachgehen. Damit es z. B. im Gestrüpp nicht zu Irritationen kommt, wenn man beim Cruisen versehentlich einen Dealer angräbt – oder selbst einen Zehner unter die Nase gehalten bekommt.

 

Einem nackten Mann greift man nicht in die Tasche

An sommerlichen Tagen ist zumindest die schwule Sonnenbank easy zu erspähen, hinter dem Tümpel am Columbiadamm gelegen, übrigens in Rufnähe zur Şehitlik-Moschee. Eine irgendwie klappende Nachbarschaft, die weder die einen noch die anderen vom Glauben abbringt. Neuerdings, so höre ich auf der „Tuntenwiese“, schlagen sich sporadisch kleine Krawall-Gangs durch die Büsche, um Homos abzuziehen. Gut, einem nackten Mann greift man nicht in die Tasche, doch das soll die Sache nicht bagatellisieren. Neukölln ist und bleibt trotz jüngster Veränderungen eben kein unproblematischer Ort.

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