Die Männlein stehn im Walde

In der Berliner Hasenheide ist die Jagdsaison längst eröffnet. Statt auf den saftig-grünen Liegewiesen rumzulümmeln, schlagen sich viele Kerle bei diesem Kaiserwetter durchs Dickicht. Dabei kann es zu ganz unerwarteten Begegnungen kommen.

Mein heißes Maiwochenende startet am Rande Neuköllns mit einem Brunch auf dem Tempelhofer Feld. Nirgends in der Stadt kann man Grenzenlosigkeit und Offenheit derzeit besser erspüren als auf dem vor sechs Jahren fürs Volk und dessen Vielfaltsgeist geöffneten alten Airport. Wer denn mag, kann sich in diesem „Park to be“ sportlich austoben oder lässig ins Gras schmeißen, den Wegwerfgrill mit Lammbuletten belegen oder beim urbanen Gärtnern wild ins Kraut schießen.

 

My Home is My Holzkiste

Letzteres, am östlichen Ende der Start- und Landebahnen, blüht nachhaltig auf, da jung und alt, homo, hetero oder sowieso auf Kleinstbeeten Gemüse anbauen. Was von Weiten wie eine Sperrmüllansammlung ausschaut, ist die moderne Antwort auf Schrebergärten und Laubenpieper. My home is my Holzkiste. Dazwischen haust und schmaust es sich an jenem Samstagnachmittag gemeinschaftlich gut.

 

Feuchtgebiete für allerlei Gelüste und Geschäfte

Und obgleich ich als gartenphober Mensch durchaus Gefallen daran entwickele, Kräutern und Knollen beim Keimen zuzugucken, mache ich mich bald vom Multi-Kulti-Acker. Nächster Halt, die Neuköllner Hasenheide. Noch so ein Massenbiotop, in dem alle einen Platz an der Sonne finden. Hier braucht es nur eines klaren Kompasses, will man gewissen Gelüsten oder Geschäften nachgehen. Damit es z. B. im Gestrüpp nicht zu Irritationen kommt, wenn man beim Cruisen versehentlich einen Dealer angräbt – oder selbst einen Zehner unter die Nase gehalten bekommt.

 

Einem nackten Mann greift man nicht in die Tasche

An sommerlichen Tagen ist zumindest die schwule Sonnenbank easy zu erspähen, hinter dem Tümpel am Columbiadamm gelegen, übrigens in Rufnähe zur Şehitlik-Moschee. Eine irgendwie klappende Nachbarschaft, die weder die einen noch die anderen vom Glauben abbringt. Neuerdings, so höre ich auf der „Tuntenwiese“, schlagen sich sporadisch kleine Krawall-Gangs durch die Büsche, um Homos abzuziehen. Gut, einem nackten Mann greift man nicht in die Tasche, doch das soll die Sache nicht bagatellisieren. Neukölln ist und bleibt trotz jüngster Veränderungen eben kein unproblematischer Ort.


Aus KOMPASS (2013 - Sirko Salka: "48 Stunden in Neukölln") - überarbeitete Version