Hau wech die S...

So kurzweilig, unterhaltsam und ad-hoc-informativ die digitale Welt auch sein mag: Wer sich erst einmal im Web 2.0 verfangen hat, kann komplett die Peilung verlieren. Oder, wenn er Pech hat, direkt an den Rändern des Wahnsinns surfen. Manchmal hilft dann nur noch radikale Zerstörungswut.

Gestern Morgen hätte ich meinen neuen Tablet-Computer am liebsten mit Wucht gegen die Wand gefeuert. Aus dem offenen Fenster geworfen. Mit den Fäusten so lange darauf eingedroschen, bis er k. o. geht. Seinen Quäl-Geist aufgibt. Bevor ich es noch tue. So sauer war ich auf das flache Teil. Aber der Reihe nach.

 

Wenn einem Cookies auf den Keks gehen

Diesmal hatte ich mir keinen groben Fehler vorzuwerfen, sondern beim Einrichten des Bretts den bestmöglichen Datenschutz bedacht: Hab keine Cookies zugelassen, diese schmarotzenden Minischnüffler im Auftrag der Konsumoptimierung, die einem gehörig auf den Keks gehen. Wenn man beim Online-Shopping mal spaßeshalber nach „Windeln für Erwachsene“ sucht, nach Haarteilen oder Anti-Pickel-Cremes, dann poppen an den Folgetagen rotzfrech und megalästig entsprechende Nerv-Anzeigen im heimischen Browser auf.  Untersagt man den Biestern aber den Zugriff, lassen sich so beliebte Seiten wie Facebook oder Planetromeo nicht nutzen. Saudumme Sache!

 

Kein Spiel mit Männern

Noch mehr Ärger bescherte mir die Ortungsfunktion, die ich vorsorglich deaktiviert hatte, da mein Tablet nun völlig am Rad drehte. Indem es z. B. zu blöde war, sich die lumpige Uhrzeit zu merken, so dass der integrierte Wecker am nächsten Morgen versagt und ich einen Termin verschlafen hatte. Dass auch andere Anwendungen ohne den räudigen Radar aus meinem tragbaren einen Chaos-Computer machten, merkte ich wiederum auf den schwulen Seiten. Denn als ich die kostenlose Planetromeo-App nutzen wollte, knallten mir haufenweise Warnungen auf den Touchscreen. Bitte Positionsdaten aktivieren, hieß es da oder: „Du musst die Push-Benachrichtigungen zulassen“ – was immer das nun wieder sein mag! Nicht mit sexy Männern, sondern ein Spiel mit meiner Geduld.

 

Boykott von Sotschi 2014

Dabei hatte ich die blaue App aus solidarischen Gründen installiert, weil mir wie rund 125.000 anderen Protest-Usern (!) die unerträgliche Zensur der kalifornischen Internetriesen Apple und Google gehörig stinkt, die Nacktes in den mobilen Profilen verbieten. Insgesamt hatten über 140.000 Schwule an einer Umfrage bei Planetromeo teilgenommen, die jetzt ausgewertet worden ist. Jeder Zweite hält die Prüderie der App-Store sogar für schwulenfeindlich. Was natürlich Quatsch ist, da sie Homos wie Heteros gleichermaßen einschränkt. Doch das soll die Sache nicht beschönigen! Planetromeo selbst kommentiert es so: „Als Schwule sind wir eine Art Frühwarnsystem der Freiheit.“ Den Satz unterstreiche ich gerne, auch mit Blick nach Russland und die dortige, unfassbare antihomosexuelle Gesetzgebung, gegen die in Berlin vor ein paar Wochen fast zehntausend Menschen demonstrierten. Mit großem Erfolg: inzwischen sorgt sich selbst das vollverstaubte Internationale Olympische Komitee, welches die Diskriminierung von homosexuellen Sportlerinnen und Sportlern dreist duldet, vor einem Wegbrechen der Sponsorengelder für Sotschi 2014. Gut so!

 

Mission Immpossible - Datenschutz scheitert

Meine private Mission in Sachen Datenschutz hingegen ist kläglich gescheitert. Was nützen alle Vorsichtsmaßnahmen, wenn aus meinem Superrechner ein Garnichtskönner wird? Wenn ich ohne krümelige Cookies, permanente Peilungen und sonstige Spionagepakete gar nicht mitfunken kann? Und seien wir mal ehrlich: So schlimm ist das offenbar nicht. An der Berliner Demo gegen den „Überwachungswahn“ nahmen im September läppische 10.000 Menschen teil. Das Wetter war zu schön! Auf schwul hieße das: für ein schnelles Sexdate pfeifen wir auf Vorkehrungen. Safer Surfen, so mein Fazit, ist genauso stressig wie Safer Sex. Das Gummi haben wir wenigstens in der Hand. Den Datenschutz schon lange nicht mehr.

 

Quelle: DU&ICH, Oktober 2013, "Leidartikel" von Sirko Salka

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