Wer macht bei der EM den Hitzlsperger?

In jeder deutschen Kickerkabine hockt mindestens ein Schwuler. Und wenn man Pech hat, kommt dann auch noch Frau Merkel zu Besuch. Ein Kommentar aus den Katakomben von Hertha BSC, der ollen Berliner Fußball-Transe

Das Berliner Olympiastadion kann man besuchen, selbst wenn man kein Fan der alten Hertha ist und auch Null Bock auf Open-Air-Konzerte oder gar Papst-Messen hat. Wie ein großes Museum öffnet die hochmodernisierte Spiel-Stätte täglich ihre Tore für neugierige Gäste, so wie mich. Und flugs findet man sich wieder auf einer dieser über 70.000 arschkalten Plastik-Schalen, mit Blick auf eine Anzeigetafel, die mehr Fläche hat als eine Vierer-WG. Die Besichtigung führt durch den VIP-Bereich und mündet in den berüchtigten Spielerkabinen. Während die Umkleide mit ihren Hochregalen und Hockern nüchterner als gedacht ausfällt, beeindruckt der Nassbereich, natürlich aufgrund des Monster-Whirlpools neben den Duschen. In der Halbzeitpause hopst da die ganze Elf angeblich gemeinsam rein, um „warmzubleiben“. Inwiefern die Jungs anfangen, miteinander zu planschen, erfährt man nur, wenn man zufällig gerade Bundeskanzlerin ist und nach einem Länderspiel Zutritt bekommt.

 

Wer springt beherzt aus dem Spind?

Doch eines ist statistisch wahrscheinlich: in jeder deutschen Kicker-Kabine hockt mindestens ein schwuler Fußballer, der gemeinsam mit seinen Kameraden spielt, feiert und baden geht. Einer, dem dieser Tage die geballten Meldungen über das Coming-out jenes Weltklassespielers durch die Birne fegen und der vielleicht just mit sich ringt, selbst den Hitzlsperger zu machen und beherzt aus dem Spind zu springen.

 

Bio, Lindner, Kerkeling - als es im Volk Klick machte

Das Coming-out des ehemaligen Nationalspielers und war nicht nur wochenlang auf Platz-eins der „Mediencharts“, sondern ein in vieler Hinsicht mutiger wie beispielhafter Schritt; trotz der Tatsache, das die illustre Karriere des Thomas Hitzlspergers auf dem Rasen bereits beendet ist. Aber: Der Anfang ist gemacht; mit einem Mega-Tabu wurde gebrochen. Endlich hat der deutsche Fußball ein schwules Vorbild, einen Top-Promi, zu dem jung wie alt hochblicken können und dem niemand seine Fähigkeiten als Spieler und seine Courage als Mensch abstreiten wird. Die Signalwirkung vergleiche ich mit den Sympathie-Wellen, die einst auch einen Alfred Biolek, Hape Kerkeling oder Patrick Lindner nach deren Outings trugen. Keiner von denen ist in den Fluten des Startums abgesoffen. Bei vielen im Volk hat es damals überhaupt erst Klick gemacht.

 

Homophoben Acker endlich pflügen!

Auf einen ähnlichen positiven Effekt hoffe ich nun im Breitensport, im Amateur- wie im Profibereich gleichermaßen. In vielen Mann- und Frauschaften, vom Balljungen, über den Trainerstab bis zum Vereinsvorstand, wird Homosexualität noch immer nach dem Prinzip der Drei Affen behandelt: Nix sehen, nix hören, und allesamt Schnauze halten! Und draußen auf den Rängen ist der homophobe Acker erst recht nicht gepflügt, jetzt bestenfalls bestellt worden. Hardcore-Fans sind bekanntlich alles, nur nicht politisch korrekt. In diesem Sinne, eine schön-schwule Europameisterschaft!

DU&ICH 2013, Sirko Salka, gekürzt & überarbeitet

Kommentar schreiben

Kommentare: 0